Ärztetag kippt Fernbehandlungsverbot

Zuletzt aktualisiert am 04.09.2018

Videosprechstunden und TelemedizinMit dem Beschluss der Deutschen Ärztetages 2018 wurde das Fernbehandlungsverbot gekippt. Was beinhaltet der Beschluss im Einzelnen und was bedeutet er für Patienten? Lösen Telemedizin und Videosprechstunden die Probleme von langen Wartezeiten, überfüllten Wartezimmern und medizinischer Unterversorgung in ländlichen Regionen?

Deutscher Ärztetag 2018 hebt Fernbehandlungsverbot auf

Der 121. Deutsche Ärztetag 2018 tagte Anfang Mai in Erfurt. Bereits 2017 war die Fernbehandlung durch Videosprechstunden und Telemedizin ein wichtiges Thema. 2018 stand nun die Änderung des § 7 Absatz 4 MBO-Ä (Fernbehandlung) auf der Agenda.

Die Änderung von § 7 (Fernbehandlung)

Der Vorstand der Bundesärztekammer stellte einen Änderungsantrag zum Fernbehandlungsverbot. Dieser wurde vom 121. Deutschen Ärztetag 2018 wie folgt angenommen (Quelle:

„Ärztinnen und Ärzte beraten und behandeln Patientinnen und Patienten im persönlichen Kontakt.

Sie können dabei Kommunikationsmedien unterstützend einsetzen.

Eine ausschließliche Beratung oder Behandlung über Kommunikationsmedien ist im Einzelfall erlaubt, wenn dies ärztlich vertretbar ist und die erforderliche ärztliche Sorgfalt insbesondere durch die Art und Weise der Befunderhebung, Beratung, Behandlung sowie Dokumentation gewahrt wird und die Patientin oder der Patient auch über die Besonderheiten der ausschließlichen Beratung und Behandlung über Kommunikationsmedien aufgeklärt wird.“

Über die Umsetzung entscheiden Landesärztekammern

Der Ärztetag hat zwar der Lockerung des Fernbehandlungsverbotes zugestimmt, ob dieser Beschluss in den einzelnen Bundesländern umgesetzt wird, entscheiden die Landesärztekammern. Bis in allen Bundesländern darüber abgestimmt wurde, werden voraussichtlich noch bis zu zwei Jahre vergehen. Es ist durchaus möglich, dass nicht alle Landesärztekammern den Beschluss annehmen. Die saarländische Ärztekammer hatte sich erst kurz vor dem diesjährigen Ärztetag gegen eine Lockerung des Fernbehandlungsverbots ausgesprochen.

Begrifflichkeiten Videosprechstunde und Telemedizin

Telemedizin: Oberbegriff für unterschiedliche ärztliche Versorgungskonzepte, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass die medizinischen Leistungen über eine räumliche Distanz erfolgen. Als Übermittlungswerkzeug werden Informations- und Kommunikationstechnologien genutzt, wozu z.B. die Videosprechstunde zählt.

(Online-)Videosprechstunde: Kommunikation zwischen Arzt und Patient, die zeitlich synchron abläuft, ohne dass sich die Gesprächspartner am selben Ort befinden müssen.

Es gibt bereits zahlreiche Anbieter, über die Patienten mit Ärzten sprechen können. Die meisten privaten Krankenversicherungen übernehmen bereits die Kosten für die Nutzung Videosprechstunden. Um sicher zu gehen, empfiehlt es sich jedoch vorher mit der Versicherung Rücksprache zu halten, ob die Kosten im konkreten Fall tatsächlich übernommen werden.

Fernbehandlung bislang nur nach persönlichen Kontakt

Fernbehandlungen durch Videosprechstunden und Telemedizin sind bereits seit mehreren Jahren möglich. Allerdings durfte eine Fernbehandlung bisher nur unter der Bedingung erfolgen, dass Arzt und Patient bereits mindestens einmal persönlichen Kontakt hatten.

Die Lockerung der Bestimmungen wird von vielen Seite begrüßt. Aber auch Gegenstimmen melden sich zu Wort und warnen vor den Folgen dieses Schrittes.

Die Befürchtungen der Kritiker

  • Wer zu schwach für den Besuch in der Arztpraxis ist, wird abgehängt.
  • Die Krankenversicherungen nutzen die Telemedizin als Mittel, Kosten zu sparen.

Diese und andere Befürchtungen äußern Patientenschützer und Ärzteverbände in Bezug auf die Aufhebung des sogenannten Fernbehandlungsverbotes.

Statement des Deutschen Hausärzteverbandes

Der Hausärzteverband befürchtet, dass die Krankenversicherungen die Telemedizin vor allem als Möglichkeit begreifen, Kosten zu sparen. In einer Pressemeldung vom 10. Mai 2018 erklärt der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt: „(…) Entscheidend dabei ist, dass diese Angebote für Patienten und Ärzte auch langfristig freiwillig bleiben (…)“. Seiner Ansicht nach, ist und bleibt das persönliche Gespräch zwischen Arzt und Patient die beste Art der Behandlung (Quelle).

Kritik der Deutschen Stiftung Patientenschutz

Vor allem pflegebedürftige und schwerstkranke Menschen, die auf Hausbesuche von Medizinern hoffen, sind die Verlierer des Beschlusses des Deutschen Ärztetages, davon ist die gemeinnützige Deutsche Stiftung Patientenschutz überzeugt. Bereits heute müssen Allgemeinmediziner Honorarkürzungen in Kauf nehmen, wenn sie zu viele Hausbesuche machen (weitere Informationen zum konkreten Fall finden Sie hier.).
Alte Menschen werden kaum von der Fernbehandlung am Computer profitieren, befürchtet zudem der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz Eugen Brysch.

Videosprechstunden und Telemedizin: Ein Beitrag vom ARD Mittagsmagazin

In Baden-Württemberg lauft momentan ein Modellprojekt zum Thema Videosprechstunden und Telemedizin. Das ARD Mittagsmagazin hat einen Kinderarzt aus Stuttgart besucht, der in das Modellprojekt involviert ist.

Diese Vorteile sehen die Befürworter

Der Beschluss des Ärztetages 2018 zur Telemedizin und der damit verbundenen Lockerung des Fernbehandlungsverbotes wird von verschiedenen Seiten begrüßt. Die Befürworter von Videosprechstunden und Telemedizin heben verschiedene Vorteile als entscheidende Aspekte hervor.

Stimmen aus der Politik

Gesundheitsminister Jens Spahn sieht die Wichtigkeit des Beschlusses des Deutschen Ärztetages vor allem in Hinsicht auf die Konkurrenzfähigkeit. Die Lockerung des Fernbehandlungsverbotes bietet Ärzten, seiner Ansicht nach, die Möglichkeit die digitalen Angebote aktiv zu gestalten und Rahmenbedingungen für Sicherheit und Datenschutz zu schaffen. Für die Patienten hat die Telemedizin vor allem praktischen Nutzen, da diese ihnen „unnötige Wege und Wartezeiten erspart.“ (Quelle). Aus diesem Grund hat er bereits in der Eröffnungsrede des Deutschen Ärztetages 2018 für für die Annahme des Änderungsantrages geworben.

Die bayrische Gesundheitsministerin Melanie Huml ist ebenfalls eine Befürworterin der Telemedizin. Sie erhofft sich vor allem für den ländlichen Raum Verbesserungen. Hier wird seit Jahren beklagt, dass eine flächendeckende medizinische Versorgung nicht mehr gewährleistet werden kann.

Vertreter der Gesetzlichen Krankenkassen

Verschiedene Vertreter der Gesetzlichen Krankenkassen sehen in der Telemedizin die Möglichkeit einer intensiveren Betreuung von Patienten, die nicht in die Arztpraxis kommen können. Außerdem könnten allgemeine Beschwerden durch Videosprechstunden schneller abgeklärt werden, wodurch mehr Zeit für schwere Fälle bleibt.

Aktionsbündnis Patientensicherheit

Das Aktionsbündnis Patientensicherheit bewertet Videosprechstunden und Telemedizin vor allem für Menschen als vorteilhaft, die in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind. Auch Wartezeiten und die Ansteckungsgefahren sinken durch digitale Behandlungsangebote. Des weiteren könnten Regionen in denen es zu wenig Fachärzte gibt, von der Telemedizin profitieren.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 04.09.2018 aktualisiert.
Über den Autor
Claudia Täubner
Claudia Täubner
mehr erfahren